— Kapitel 8 —

Mit neuem Mut, die Angst verdrängend machte sich Jody auf die Suche nach dem Mann, der sie auf diese merkwürdige, sie ignorierende Art begrüßte. Es schien ihre einzige Möglichkeit, diesem Haus zu entkommen. Also ging sie die lange Treppe hinauf. Jede Stufe knarrte unter dem Druck ihrer Füße. Achtsam schlich sie sich in die erste Etage. Ganz vorsichtig und leise wie möglich. So, als wollte sie sich an jemanden heranschleichen, der sie noch nicht gesehen hatte. Eigentlich merkwürdig. Sollte sie nicht so laut wie möglich durch das Haus gehen, damit alle Personen, die ihr helfen könnten auf sie aufmerksam würden. Aber das ist ein ewiges Geheimnis des Menschen. In großen, dunklen Häusern benehmen sie sich immer möglichst still. Und steigern dadurch ihre Angst ins Unermessliche, da man dadurch jedes noch so kleine Geräusch doppelt so laut wahrnimmt. So, wie die kleinen Schritte der Maus, die grade über den Flur huscht oder die Fledermaus, die grade fröhlich durch die Halle flattert. Jody erschreckt bei all diesen kleinen Geräuschen, redet sich aber immer wieder Mut zu. Nichts kann passieren. Haha. Und ihre Finger krallen sich noch tiefer in den Griff ihres Messers. So stand sie nun bald in einem langen Flur, der sich rechts wie links weit ausbreitete. Die Dunkelheit schien kein Ende zu haben. Ein dunkler Schatten wandert vor ihr die Wand lang. Panisch dreht sich Jody ruckartig um. Doch hinter ihr konnte sie niemanden sehen. Nur die Finsternis der Angst. Wieder blickt sie auf die Wand und sieht die Umrisse der Person verschwinden. Und wieder ist Ruhe. Man hört nur ein Atmen. Ein leises, erschrockenes Atmen. Man hört nur Jody. Ihr Herz rast. Was geht hier nur vor sich. Das ist doch nicht normal.
Doch jetzt durfte Jody nicht die Nerven verlieren. Sie musste bei klarem Gedanken bleiben. Durfte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen – das konnte tödlich sein…
Nun stand sie also da und blickte ins Dunkel. Rein instinktiv ging sie nach rechts. In der Hoffnung den Mann hier zu finden. Aufmerksam, einen Fuß vor den anderen setzend verschwand sie im Schwarz. Ein langer, dunkler Gang lag vor ihr. Mehr nicht. Einfach nur diese Gasse. Diese breite Gasse – ohne Licht – ohne Tür. Die Wände ragten neben ihr hoch auf. Kahle Wände. Ein Stein auf dem anderen. Desto tiefer Jody im Gang verschwand, desto heftiger spürte sie einen Blick in ihrem Rücken. Sie drehte sich um. Und… ein… nein, nichts. Es war einfach nur dunkel. So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte niemanden erkennen. Sie drehte sich wieder um und ihr Griff in der Tasche wurde stärker. Die Fingerkuppen waren schon rot angelaufen und die Hände taten ihr weh, aber das Messer gab ihr Schutz. Doch Schutz vor wem? Schutz vor der Dunkelheit? Vor der Nacht? Vor dem Nebel? Haha sie wusste nicht genau, vor was sie sich fürchtete, aber sie spürte, dass jemand da war, hinter ihr. Ihr auf den Fersen. Nicht weit entfernt. Sie spürte seinen Atem. Doch sie konnte ihn nicht sehen. Nur fühlen. Immer wieder redete sie sich ein ruhig zu bleiben. Doch es fiel ihr zunehmendst schwerer. Ruckartig schmiss sie ihren Kopf nach hinten, um den Unbekannten auf frischer Tat zu erwischen, wie er hinter sie herschlich. Doch sie sah ihn einfach nicht. „Hallo, ist da jemand!?“ Und es antwortete ihre Stimme. Sie atmete tief durch und genoss ihr Echo. Das war das erste vertraute Geräusch, seid sie dieses Haus betreten hatte. Doch sie konnte jetzt nicht stehen bleiben, musste weitergehen. Und wieder knarrte das alte Holz unter ihrem Körper.
Und plötzlich tauchte auf der rechten Seite eine Tür auf. Jody beschleunigte ihren Schritt, riss die Tür auf, stürmte in das Zimmer und schmiss die Tür gleich hinter sich zu. Puh. Sie schnaufte. Ja, Ruhe. Sie musste dem unbekannten Beobachter entkommen. Ja, hier wird er nicht reinkommen, solange ich mich gegen die Tür lehne. Sie war irgendwie erleichtert, obwohl sie noch gar nichts erreicht hatte. Nachdem sie ihren Puls wieder etwas gesenkt hatte, wendete sie sich mit ihren Blicken in das Zimmer. Sie schaute sich um. Den Atem anhaltend drückte sie sich an die Tür. Mit aller Kraft presste sich ihr Körper an das Holz. Erstarrt und mit riesigen Augen blickte sie in die linke Ecke des Zimmers, das sonst total leer war. Doch dort, da, in der linken hinteren Ecke hingen einige leblos Körper von der Decke. Den Hals in einer Schlinge ließen sie ihre Köpfe hängen. Vorsichtig, den Blick immer noch auf die Leichen gerichtet tastete sie mit der rechten Hand nach der Türlinke. Sie hatte sie gefunden, riss die Tür abermals auf und verschwand aus dem Zimmer. Der Schatten folgte ihr. Haha
Sie lehnte sich gegen eine Wand. Das Gesicht in ihre Hände vergraben. Man hörte deutlich wie sie immer wieder schluckte. Noch immer sah sie die Bilder vor sich. Noch nie zuvor hatte sie eine Leiche gesehen. Der Verwesungsgeruch löste bei ihr das Gefühl des sich Übergebens aus. Sie stieß einige Male auf. Doch sie konnte sich nicht erleichtern. Nur Tränen kullerten ihr über das Gesicht. Ganz tief durchatmen, das waren nur ein paar tote Menschen. Es ist vorbei. Ich geh da nicht mehr rein. Es ist vorbei. Ruhig. Sie atmete tief durch. Das Sich-Zureden half. Sie sammelte wieder ihre Gedanken. Als sie sich wieder etwas besser fühlte drehte sie sich um und blickte auf die geschlossene Tür. Ein kalter Schauer fuhr ihr ganz langsam den Rücken runter. Grade, als sie ihren Blick von dem Eingang in den Tod abwenden wollte, tauchte links von der Tür der Schatten wieder auf. Umrisse eines Mannes, der sich lässig an die Mauer lehnte und Jody betrachtete. „Wer bist Du?“ haha „Was willst du von mir“ haha. Jody schaute sich die Umrisse des Mannes genauer an. Kräftig, gut gebaut stand er vor ihr. Nicht viel größer als sie selbst. Ein bisschen eckiger Kopf, der seinen Blick von Jody abwendete und in die Dunkelheit richtete. Jetzt, da sie das Gesicht des Mannes im Profil sah, stach auch seine markante Nase mit diesem merkwürdigen Höcker hervor. Nein, das ist unmöglich, das kann doch nicht sein. Jody hatte diese Nase schon einmal gesehen. Mehrere Male. Aber nein, das ist unmöglich. „Was willst du von mir?“ „Was hab ich dir angetan?“ haha. Der Schatten verschwand in der Dunkelheit. Jody schaute ihm noch eine zeitlang hinterher. Sprachlos. Was sollte sie da noch sagen. Meine Augen spielen mir einen Streich, ha. Ja, so ist es. Ich muss weiter. Sofort drehte sie sich um und ging den Gang entlang. Sie blickte sich noch mal um, schaute in die Dunkelheit und fühlte, dass der Mann immer noch in ihrer Nähe war…

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