— Kapitel 6 —

Allein steht Jody vor dem alten Gemäuer.
Du wirst erwartet! hatte die Nebelfigur noch gesagt, ehe sie verschwand. Sie löste sich auf und vereinigte sich mit dem Nebelschleier, der das Haus umgibt. Nebel, der ständig um das Haus schwebt. So als ob, ja, als ob es Menschenseelen seien. Nur als Jody ankam stand die Nebelmasse still und betrachtete den Neuankömmling, von dem sie schon so viel gehört hatte. Sie schauten auf sie hinab und begannen zu flüstern. Dann zogen sie weiter – auf ihren Bahnen rund um das Haus, in dem sie so lange eingesperrt waren, das ihr Schicksal war und für immer bleiben wird.
Jetzt bin ich schon so weit gekommen, jetzt muss ich auch hineingehen.
Vorsichtig nähert sich Jody dem Haus. In ihrer Tasche die Finger fest um ein Messer gekrallt. Ein kleines rotes Taschenmesser. Ein Messerchen, mit dem sie sonst nur Äpfel und kleine Äste durchschnitt. Mit kleinen, lautlosen Schritten schleicht sie über das Gras. Den Blick immer starr auf das Gebäude gerichtet. Auf die Fenster, die Tür, das Dach. Doch sie konnte niemanden entdecken. Es ist ganz still. Angespannte Ruhe. Der Nebel bildet vor ihr eine Gasse. Die Seelen stehen Spalier. Flüstern sich gegenseitig zu. Jaja. Jajaja. Immer nur Jajaja. Ganz leise und doch ganz deutlich. Sonst hört man nichts. Nur Jajaja. Verängstigt und doch fest entschlossen steht Jody vor der Tür. Jetzt wird’s ernst. Jetzt geht’s los. Sie blickt durch den Spalt in die Dunkelheit. Noch einmal atmet sie tief durch. Ihre Hand schiebt die Pforte noch weiter auf und Finsternis kommt ihr entgegen. Noch fester packt sie das Messer in ihrer Tasche. Mit zitternder Hand und bumpernden Herz betritt sie das Haus.
Nach wenigen Metern bleibt sie stehen. Ihre Augen sollen sich an diese Dunkelheit gewöhnen. Draußen hatte sie ja wenigstens noch den Mond. Aber hier ist nichts. Nur noch Schwärze. Tiefschwarze Dunkelheit. Nach wenigen Augenblicken erkennt sie leichte Umrisse. Sie befindet sich in einem großen Raum. Eine Empfangshalle oder ähnliches muss es sein. Rechts von ihr ein Kabine aus Glas. So was wie ein Wärterhaus. Im ganzen Raum sind Sitzmöglichkeiten verteilt. Sessel, Stühle, ein paar Tische. Direkt vor ihr erhebt sich eine Treppe. Eine breite. Und ganz oben erkennt sie eine Silhouette. „Willkommen, Miss Jody.“ “Wer sind Sie?” “Ich begrüße Sie in meinem bescheidenen Reich.” „Wo bin ich denn hier?“ „Wir haben lange auf Sie gewartet.“ Wer sind Sie?“ „Aber jetzt sind Sie ja gut angekommen.“ „Wo bin ich hier?“ „Ich hoffe Sie hatten eine gute Anreise.“ „Hey, was soll das hier alles?“ „Ich wünsche ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“ „Hallo, hören sie mich?! Wer sind sie denn überhaupt?“ „Ich denke mal, dass Sie sich hier recht schnell zurechtfinden werden.“ „Was wird hier überhaupt gespielt?“ „Na dann, wo sie keine Fragen mehr haben…“ „Hey, doch ich hab da noch…“ „Dann kann das Spiel ja beginnen.“ „Welches Spiel? Was soll das hier alles?“ Doch da stand Jody schon wieder allein in der Dunkelheit. „Hallo, wo sind sie denn hin?“ „Ich hab da noch ein paar Fragen.“ „Hallo, wo sind sie denn hin.“ Was ist das hier für ne Scheiße. Kann doch nicht wahr sein. Wer war das grade? Woher kennt der meinen Namen? Was soll das hier alles noch werden? Und was für ein Spiel wird hier gespielt? Will mir etwa jemand einen Streich spielen? Aber wer, wer denn nur, es weiß doch keiner, dass ich hier bin… Man Scheiße, was soll das alles hier. „HALLO!“ Doch Jody bekam keine Antwort. Es war ganz ruhig um sie rum. Sie bekam Angst. Angst vor dem Ungewissen. Angst vor der Dunkelheit. Vor dem Mann. Vor dem Spiel.
Nein, es reicht. Es ist genug. Ich hau ab. Hab genug gesehen. Genug gehört. Nur schnell weg hier. Jody dreht sich um. Sie will nur noch raus aus diesem Haus. Zurück in den Wald. Und dann wieder zurück in irgendeine Stadt. Weg von diesem Haus. Wieder unter normale Menschen. Doch wo war die Tür?! Ich bin doch nur ein paar Schritte gegangen. Nur ein paar Meter geradeaus. Doch wo noch vor kurzem die Tür war, sah sie jetzt nur noch eine Mauer. Sie geht die paar Meter zurück, klopft mit ihrer Hand gegen das Gemäuer. Die Wand ist kalt… und aus Stein. Nein, das kann doch nicht sein. Hier war doch grad noch ne Tür… aus Holz. Ich bin doch nicht bescheuert. Hier bin ich reingekommen, also muss ich hier doch auch wieder rauskommen. Ich will hier raus. Lasst mich raus. Doch ihre Stimme prallte nur von der Wand ab und verteilte sich im großen Saal. „Ich möchte hier raus. Lasst mich gehen. Lasst mich in Ruhe. Bitte“ Als Antwort kam ein Lachen. Dieses fiese Lachen, das sie schon im Wald einige Male vernommen hatte. Und wieder fuhr ihr ein kalter Scheuer über den Rücken. Nein, bitte nicht. Lass mich in Ruhe. Tränen rollten ihr Gesicht runter…

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