— Kapitel 5 —

Ich werde einfach weitergehen. Wozu brauch ich schon die Schreie. Ich wird mich auch so dahinfinden. Is doch gar kein Problem. Es wird jetzt erst so richtig hell. Da kann man doch besser sehn. Ja, und da es sowieso nicht mehr so weit ist, kann doch gar nicht so viel passieren. Einfach in die gleiche Richtung gehen. Immer nur gradeaus. Kein Problem. Doch von wo bin ich denn grad gekommen? In welche Richtung bin ich grad gegangen? Hmmm, da lang, glaub ich. Oder kam ich von da? Nein, ich bin doch diesen Weg lang. Oder doch nicht? Oder doch? Jody hatte die Orientierung verloren. Bisher war sie ja auch nur einer Kraft gefolgt. Doch die war jetzt verschwunden. Jody konnte nicht wissen, wo sie langzugehen hat. Sie sollte es auch nicht wissen. Sie sah jetzt nur noch Bäume. Überall große Eichen, die sie einkesselten – ihr keinen Ausweg ließen. Sie war gefangen. Niemand würde ihr helfen. Nein, nicht jetzt. Noch nicht. Es war hell.
Jody saß auf dem Moos. Nebelschleier umgaben ihr Gesicht… und ihren Geist. Sie konnte keine klaren Gedanken fassen. Noch immer war das alles für sie ein großes Rätsel. Doch über das, was hier mit ihr geschieht machte sie sich schon eine ganze Weile keine Gedanken mehr. Nein, das konnte sie sowieso nicht erklären. Das hatte sie erkannt. Es ging ihr jetzt nur noch darum, ob das alles richtig ist, was sie macht. Warum? Wozu? Ist das der Weg in eine bessere Zukunft? …. über diese Frage schlief sie ein. Im Sitzen. Leicht an einen Baum gelehnt. Den Rucksack noch immer auf dem Rücken. Geschafft von diesen Anstrengungen. Ja, schlafe gut, du wirst deine Kraft noch brauchen. Ich freu mich drauf…
Und wieder mal wurde sie aus ihren Träumen geweckt. Diesmal aber nicht so schreckenvoll, wie sonst bisher immer. Ihre Augen gewöhnten sich recht schnell an die neuen Lichtverhältnisse – an die Dunkelheit. Sie lag da – in ihrem Schlafsack. Ihr Gepäck fein säuberlich um sie herum aufgebaut. Alles hatte seinen Platz. Aber so würde ich meine Sachen doch nie hinlegen. Nicht so. Ich kenn da jemanden, der das so machen würde, aber… Nein, das kann doch nicht sein. Nicht schon wieder. Das muss ein Zufall sein. Dann hab ich die Sachen halt doch mal so fallen lassen… Aber nein, ich hatte mich doch nicht hingelegt, ich wollte doch nur kurz rasten….
Eine leise, sanfte Stimme brach ihre Gedankengänge ab. Hier bin ich. Komm! Folge mir! Ich bring dich an Ziel. Begleite dich den Rest des Weges. Komm schon! Beeil dich, wir haben noch was vor. Jody vernahm die Stimme ganz deutlich. Sie drang in ihr rechtes Ohr ein und breitete sich von dort aus in ihrem Kopf aus. Ihre Augen blickten nun in die Richtung, von wo sie die Stimme erahnte. Ein Mann stand nur wenige Meter von ihr entfernt. Wer sind Sie? Folge mir! Wohin? Folge mir und du wirst es erfahren! Was werde ich erfahren? Folge mir, Jody! Woher kennst du meinen Namen? Verschwende deine Zeit nicht mit solchen Fragen. Dein Leben wird nicht ewig dauern. Ja, aber…. Folge mir. Jody starrte nur noch auf die Gestalt. Komm schon, oder soll ich etwa wieder gehen? Nein, warten sie, ich komme. Beeil Dich! Eilig, mit zittrigen Händen rollte sie ihren Schlafsack zusammen, schnallte ihre Sachen auf den Rücken und ging auf den Mann zu. Erst jetzt, nachdem sie etwas näher an ihn rangekommen war, bemerkte sein merkwürdiges Äußeres. Keine Hautfarbe. Nur leicht angedeutete Augen. Kein Mund. Keine Gliedmaßen. Und überhaupt… ein Gebilde aus Nebel. Das ist doch nicht möglich. Träum ich das etwa nur? Nein, tust du nicht. Du kannst Gedanken lesen… Folge mir. Die Gestalt drehte sich um und schwebte davon. Warte! Nicht so schnell. Beeil Dich! Jaja, ich komm schon. Wenn ich auch nur fliegen könnte. Folge mir! In zügiger Geschwindigkeit kamen beide voran. Kein Ast versperrte ihr den Weg. Kein Blatt knisterte unter ihren Füßen. Der sonst so wilde Wald wirkte wie ein gut gepflegter Garten Man hatte einen roten Teppich ausgelegt. Für sie. Für Jody, auf die man sehnsüchtig wartete.
So bahnten sie sich ihren Weg durch das Unterholz. Jody fragte diesem Wesen schon gar nichts mehr. Sie bekam doch sowieso immer nur die gleiche Antwort. Folge mir! Ihr Herz begann immer schneller zu schlagen. Ja, gleich würde sie am Ziel sein. Sie würde gleich erfahren, woher die Schreie kamen und warum Menschen so brüllen können. Aber, ja aber, wo waren eigentlich diese Schreie. Es war doch dunkel. Sie befand sich noch immer im Wald. Aber von den Schreien oder dem Gelächter war nichts zu hören. Ruhe! Eisige Ruhe. Todesstille.
Komm schon. Gleich haben wir’s geschafft. Ja, ich folge dir. Ihr Herzschlag erhöhte sich. Was werde ich jetzt sehen? Was erwartet mich? Wen werde ich treffen? Was wird geschehen? Was passieren? Hahaha
Und plötzlich richtete sich vor Jody ein großes Haus auf. Mitten im Wald stand Mitten in der Dunkelheit baute sich dieses alte Gebäude vor ihr auf. Sehr alt, dreckig, schäbig, heruntergekommen, fast schon zusammengefallen stand es vor ihr. 3 Etagen hoch. Viele große Fenster. Doch alle mit morschen Brettern zugenagelt. Ein etwas brüchig scheinende Treppe endete an einer riesigen Eingangspforte. Gewaltig und furchteinflößend durch brach es mit seiner Aura die Stille der Dunkelheit. Umgeben von grauen Nebelschwaden.
Trete ein. Du wirst erwartet!
Wie von Geisterhand knarrte die Tür und öffnete sich einen Spalt…

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