— Kapitel 2 —

Erst im Morgengrauen kehrte Jody in ihr Lager zurück. Sie hatte noch eine zeitlang am Rande der Lichtung gesessen. In sich gesackt, das Gesicht in den Händen gebohrt, leise schluchzend. Sie war geschafft und verzweifelt. War das wirklich der Mann, für den ich ihn gehalten hatte? Wo kam er so plötzlich her? Wie ist das möglich? Das geht doch eigentlich nicht. Nein, er kann es nicht gewesen sein! Aber er sah ihm doch so verdammt ähnlich… -…- War er überhaupt real und nicht nur ein Hirngespinst. Die Phantasie meines Geistes? Bin ich denn wirklich verrückt? Hab ich mir das alles nur eingebildet? Doch wo kamen dann die Schreie her… und dieses Lachen?… Erst jetzt bemerkte sie, dass es ganz leise um sie rum war. Kein einziger Laut. Das Kreischen war verstummt. Das Lachen hatte ausgesetzt. Das Flehen nach dem Tod hatte aufgehört… und zwar genau in dem Moment, als auch die Person verschwand. Als sie sich in Luft auflöste und eins wurde mit seiner Umgebung… seinem zuhause. Auf einen Schlag wurde es ruhig. Das ist doch nicht normal. „Ich werde irre. Ja, ich bin verrückt. Durchgeknallt!“ Und dann brach es lauthals aus ihr raus. Sie wusste nicht warum, aber sie musste auf einmal nur noch lachen. Hahaha „Bescheuert!“ haha „Verrückt!“ haha „Bekloppt!“ hoho „Ab in die Klappsmühle!“ hihi „ich auch…“ haha, jaja. Sie verschwendete keinen Gedanken mehr daran, dass der Mann wirklich existieren könnte. Nein, alles war viel zu irreal. Nein, der Typ konnte gar nicht wirklich sein. Nein, sie glaubte nicht daran, dass das hier alles geplant war… nein, warum auch…
Nein, das Problem lag bei ihr, na klar, was denn auch sonst. Sie war doch diejenige, die in ihrer Umwelt nicht mehr klarkam. Die Stück für Stück ihre Freunde verlor. Die immer mehr zum Einzelgänger wurde. Die beliebte Karrierefrau, die auf einen Schlag all ihre Geschäfte in die Ecke feuerte und ausriss. Die ihr Leben hinter sich ließ. In eine neue Zukunft startete, auf der Suche nach ein bisschen Glück. In der Hoffnung vielleicht irgendwo ein neues Leben aufbauen zu können. Irgendwo, wo man so genommen wird, wie man ist, wo man ganz neu anfangen kann, wo man nicht schräg angeguckt wird, wo nicht hinter dem Rücken getuschelt wird, da man ihre Vorgeschichte nicht kennt. Eine Geschichte, die ihr Leben auf einen Schlag zerstörte. Damals, als urplötzlich… und Jody sackte wieder zusammen. Tränenberge kullerten über ihre Wangen. Die Gedanken an die Vergangenheit brachen ihr das Herz. Es war schon so lange her und brach ihr trotzdem noch das Herz. Immer wieder sieht sie die Bilder vor sich, die sich so sehr in ihren Kopf gefressen haben. Die Bilder, die sie verrückt werden ließen…

Nachdem sie sich einigermaßen erholt hatte, rappelte sie sich wieder auf. Sie wollte jetzt nur noch zurück zu ihrem Lager. Noch einmal blickte sie auf die Lichtung. Kein Busch, kein Baum, kein Hügel, kein Graben. Nichts, wo sich der Mann hätte verstecken können. Ha, ich bin verrückt. Sie drehte sich um und blickte in den Wald. Dunkelheit kam ihr entgegen. Tiefschwarze Stille. Müde, geistig zusammengebrochen machte sie sich auf den beschwerlichen Weg. Energisch und zielstrebig bahnte sie sich ihren Weg durch Laub und Geäst, das bei jedem Schritt unter den Füßen knackte. Ohne zu wissen, ob sie auf dem rechten Weg war. Doch daran verschwendete sie jetzt keinen Gedanken. Sie war sich sicher, dass sie das Lager ohne Mühe wiederfinden würde. Mit Gedanken an einem anderen Ort schritt sie voran. Immer tiefer. Immer weiter. Immer dunkler. Leichtfüßig flog sie über das Moos. Nichts konnte geschehen. Nix passieren. Und dann wachte sie auf. Ihre Gedanken waren zurück gekehrt. Sie waren jetzt auch am selben Ort, wie ihr Körper. Sie befand sich wieder in der Wirklichkeit. Dieser frostigen Stille. Sie starrte in die Finsterheit. Sie drehte sich im Kreis. Blickte in jede Richtung. Schaute ins Schwarz der Nacht. Kein einziger Lichtstrahl durchbrach das feinmaschige Netz der Baumwipfel. Erst jetzt realisierte sie wo sie war. Und wusste nicht, an welcher Stelle sie sich befand. Sie hatte die Orientierung verloren. Stand nun in einem großen Wald. Alles Schwarz. Keine Lampe. Keine Karte. Keine Hilfe. Sie war einfach losgegangen. Ohne Plan kämpfte sie sich durch das Gehölz. Ohne Probleme. Es schien, als hätte sich eine Gasse für sie geöffnet. Eine Gasse, die sie zurückführen würde. Zurück in ihren warmen Schlafsack. Doch nun stand sie am Ende der Gasse und das Lager war noch nicht erreicht. Noch lange nicht.
Krampfhaft versuchte sie etwas zu entdecken. Irgendwas. Egal wie winzig. Nur eine kleine Hilfe. Ein Zeichen, dass ihr den richtigen Weg weisen würde. Doch es war finster. Um sie rum nur Unendlichkeit. Ein schwarzes Loch. Und sie mittendrin. Direkt im Zentrum der Einsamkeit. „Hallo, ist da jemand“ flüsterte sie bittend in den Wald. Und es antwortet nur ihr Echo. Sie erschrak, als sie ihre Stimme hörte. Ihre Stimme. So voller Verzweiflung und Müdigkeit. Was würde sie sich freuen, wenn jetzt wieder jemand vor ihr stehen würde, der ihr hilft. So wie ihr Hirngespinst vor ihrem Zelt. „bitte, helft mir doch“ egal wer, doch es antwortete wieder nur ihre Stimme. Ihre Stimme – auf der Suche nach einer Menschenseele, die Jody aus der misslichen Lage befreien könnte. Menschenseelen fanden die Worte reichlich. Aber keine, die ihr helfen konnte… helfen wollte…
„Du darfst jetzt nicht aufgeben. Musst weitersuchen.“ Sprach sie sich selber Mut zu. „Also, los, nicht einschlafen. Nicht hier. Du musst dein Lager finden…“ Doch welche Richtung schlägt man ein, wenn man nichts sieht und keinen blanken Schimmer davon hat, wo man sich befindet. Die falsche Entscheidung, und schon entfernt man sich von seinem Ziel. Das wäre fatal. Doch sie musste sich auf den Weg machen und stiefelte los. Leicht verunsichert, aber trotzdem energisch.
Immer wieder blieb sie mit ihren Klamotten irgendwo hängen, knallte mit ihrem Kopf gegen einen Ast der sich in Augenhöhe vor ihr breit machte, knickte um und hörte es unter ihr knacken. Doch nicht in den kurzen Abständen, wie es noch vorhin war, als sie hinter dem Schatten hergejagt war. Wie konnte ich da so schnell laufen, ohne dass was passiert war? Sie konnte es sich nicht erklären. Es gab einfach keine plausible Erklärung dafür.
Auf diese Art und Weise bahnte sie sich ihren Weg durch die Dunkelheit. Ohne ihr Lager zu finden. Sie war verzweifelt. Die Müdigkeit tat ihr Übriges. Ich finde mein Lager nie. Komme nie wieder in die Zivilisation zurück. Werde hier elendig verrecken. Und niemand wird mich vermissen. Wer sollte auch schon an mich denken. Sich Sorgen machen? Sie hatte ja niemanden mehr. Hatte ja alles hinter sich gelassen, da man sich von ihr abwendete…
Immer öfter musste sie eine Pause machen. Sich hinsetzen. Verschnaufen! Wieder ein blauer Fleck, dachte sie, wenn sie mal wieder irgendwo gegenrannte. Blasen zierten ihre Füße. Dreck vermischte sich Haar und Gesicht. Tränen suchten ihren weg aus ihren Augen. Hoffnungslosigkeit. Verzweiflung. Müdigkeit. Und ihre Augen fielen zu. Auf dem feuchten Moosboden sitzend, den Kopf an einen Baum gelegt, schlief sie friedlich ein.
Und dann die Erlösung. Licht. Morgengrauen. Sonne. Der Tag erwachte. Vogel boten ihr ein sanftes Konzert. Rehe tanzten für sie dazu im Takt. Die Sonnenstrahlen streichelten sie wach. Durchgefroren öffnete sie ihre Augen. Endlich konnte sie wieder etwas erkennen. Sie war froh, dass sie die Nacht überstanden hatte. Sie streckte ihre Arme gen Himmel und stieß einen lauten Gähner raus. Dann blickte sie nach rechts. Da war es. Ja. Gefunden. Ihr Zelt. Sie war neben ihrem Lager eingenickt. Nur wenige Meter entfernt. Kaum der Rede wert. Und sie dachte schon, sie würde nie mehr zurückfinden. Sie war zufrieden. Ja, das hab ich geschafft. Zufrieden und immer noch müde kroch sie in ihren Schlafsack zurück. Und er war immer noch warm… so, als ob sie nur kurz mal weggewesen sei…

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