— Kapitel 1 —

Ein schrilles Kreischen durchzuckt die Nacht. Ein Schrei – irgendwie fern und trotzdem nah. Undefinierbar leise und doch klar und verständlich. Dazwischen immer wieder ein Lachen. Dieses fieses Lachen, wie es jeder aus alten Filmen kennt, wenn der ’Joker’ wieder mal einen durchtriebenen Plan ausgeheckt hat. Dieses kalte Lachen. Dieses befriedigte. Dieses quälende Gelächter, wenn jemand einem anderen Schmerz zuführt, und sich daran ergötzt. Und dann wieder Schreie. Todesschreie. Erst Schreie voller Qual und Pein, dann flehende Schreie. Flehend nach dem Tod. Nach der Erlösung. Schreie, wie sie Menschen ausspucken, die die Schmerzen nicht mehr ertragen und sich nach dem Ende sehnen…
Da wacht Jody auf. Sie liegt alleine im Dunkeln. Sie schaut nach oben. Reißt ihre Augen ganz weit auf. Trotzdem sieht sie nichts. Es ist finster. Stockduster! Langsam – noch halb im Traum – stemmt sie ihren Körper nach oben. Zusammengekauert sammelt sie ihre Gedanken. Wer bin ich? Wo bin ich? Was mach ich hier? Da bemerkt sie ein leichtes Kribbeln auf ihrer linken Hand. Viele kleine, ganz sanfte Berührungen streicheln ihre Haut. Ein angenehm und trotzdem störendes Kribbeln. Ihre rechte Hand macht sich auf den Weg zur Linken, um der Sache auf den Grund zu gehen. Vorsichtig fahren ihre Finger den Arm hoch. Und plötzlich sind sie am Ziel angekommen. Jody hat auf einmal ein kleines Etwas zwischen ihren Fingerkuppen. Vorsichtig entfernt sie das Ding von ihrer Haut. Dabei hört sie es leise knacken. Sie erschrickt. Ein geübter Griff und schon leuchtet die Taschenlampe in ihrer Linken. Sie wird geblendet. Dreht ihren Kopf weg und schließt blitzartig ihre Augen. Nach einigen Augenblicken haben sich ihre Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt. Dann richtet sich ihr Blick wieder auf ihr Hand. Blut fließt zwischen ihren Kuppen hervor und tropft über den dünnen Fädchen, die zwischen ihren Fingern hervorgucken auf ihren Schlafsack, der sich dreckig um ihre Füße gehüllt hat. Sie starrt noch kurzzeitig auf ihre Hand, als ein Schrei sie wieder zusammenzucken lässt. Ein kalter Schauer fährt über ihren Rücken. Er arbeitet sich den Rücken hoch, bis er in ihrem Hals explodiert. Jody schüttelt sich leicht und die Zeit steht einen Moment still. Sie weiß nicht, was mit ihr geschieht. Ganz vorsichtig zieht sie den Reißverschluss runter und blickt in die Nacht. Da sie nichts erkennen kann, krabbelt sie ganz leise aus ihrem Zelt. Ihr wachsamer Blick wandert durch die Umgebung. Angestrengt versucht sie in der Finsternis etwas zu erkennen. Doch nix. Das nur leicht durch die Baumwipfel schimmernde Licht reicht nicht aus, um irgendetwas deutlich zu erkennen. Nur einige Schatten wirft die Natur ins Dunkel. Und urplötzlich erkennt Jody die Umrisse einer Person. Eines Mannes. Groß und kräftig steht er nur wenige Meter von ihr entfernt. Zwischen 2 Bäumen ist er auf einmal aufgetaucht. Im ersten Moment ist Jody ziemlich erschrocken und trotzdem erleichtert. Denn noch immer verwandeln die Schreie den Wald in eine Geisterbahn. Und da ist sie froh, dass jemand da ist, zu wissen, dass sie nicht alleine da steht. Dass jemand da ist, der sie beschützt. Sie fühlt sich in der Gegenwart dieser Person geborgen. Ja, dieser Mann hat was Besonderes an sich. Etwas Unerklärliches. Er sendet Strahlen der Geborgenheit zu der Frau herüber. Keine Spur von Angst kann sich bei ihr aufbauen.
„Hallo!“ Stille „Hey, hallo, wer sind sie?“ Ruhe „Hi.“ „Sagen sie doch was!“ Aber immer noch Stille. „Hey, Sie…“ schallt ihr jetzt doch zittrige Stimme durch den Wald. Langsam erhebt sich die bis jetzt noch immer auf allen Vieren sitzenden Jody vom Waldboden und geht einen Schritt auf den Mann zu. Einen Fuß setzt sie vor den anderen. Immer näher kommt sie dem Schatten. „Bleiben sie doch stehen. Hallo!“ Ihre Schritte werden größer. “So warten sie doch!“ Immer schneller geht sie durch den Wald. Rennt sie! „Nun bleiben sie doch stehen.“ „Hallo!“ stößt es schwerer atmend aus ihr heraus. Doch die Gestalt gibt keinen Ton von sich. Schwebt einfach nur vor ihr her. Weist ihr den Weg. Und wie in einem Bannstrahl gefangen, rennt Jody hinterher. Sie wird magisch von dem Schatten angezogen. Folgt ihm auf Schritt und Tritt. Über Gras und Moos hinweg. Kleine Äste knacken unter dem Druck ihrer Füße. Immer öfter. In immer geringeren Abständen. Und immer lauter atmet Jody. Helle Nebelschwaden suchen sich ihren Weg aus ihrem Mund und verschmelzen mit der Umgebung, wie kleine Geister, die sich zu einer großen Macht vereinen. Mittlerweile hat Jody schon gar keine Kraft mehr, ihm hinterher zu rufen. Sie rennt nur noch und weiß nicht warum.
Noch immer fressen sich die Schreie in ihrem Kopf fest. Genauso laut, wie an ihrem zelt und genauso intensiv. Vielleicht sogar noch extremer. Im Unterbewusstsein nimmt Jody jetzt auch andere Stimmen – ein anderes Lachen wahr. Ein Lachen der Freude. Ja, wir haben sie. Bald wird sie uns gehören.
Dann erkennt sie den Mann genauer und erschreckt leicht. Der Schatten rennt jetzt auf eine Lichtung zu und im Gegenlicht kann sie ihn besser erkennen. Diese Figur, seine Gangart, seine Umrisse, all das kommt ihr bekannt vor. Ja, diese Person hat sie schon mal gesehen. Jetzt ist sie sich sicher. Diesen Mann sieht sie heute nicht zum ersten Mal. Aber das kann doch nicht wahr sein, schießt es durch ihren Kopf. Sie legt noch einen Gang zu, um die Person einzuholen. Vielleicht wird sich dann das Rätsel lösen. Elegant, jeden Schritt geplant, sich auskennend und zielstrebig fliegt der Schatten über den Waldboden. Schnaubend rennt Jody hinterher. Die freie Fläche kommt immer näher. Bald ist sie erreicht. Sie hat den Mann noch immer fest im Blick. Kann ihn deutlich identifizieren. Nur ein paar Meter vor ihr.
Erschöpft erreicht sie die Lichtung. Außer Atem bleibt sie kurz stehen, um sich neu zu orientieren. Sie blickt in alle Richtungen… und der Mann ist weg. Urplötzlich ist er verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Aber er war doch grad noch vor ihr. Aufgeregt schaut sie sich noch mal um. Aber nichts. Er ist weg. Ruckartig schnellt ihr Kopf von einer Richtung in die andere. Nix! „Hallo, wo sind sie?“ stößt sie heraus. Aber nicht mehr so laut, wie am Anfang. Die ganze Rennerei nahm ihr den Atem. Ein langer Seufzer verschwand in der freien Fläche. Sie war erschöpft. Müde. Wusste nicht mehr weiter. Das kann doch alles nicht wahr sein. Nein, das war er nicht gewesen. Nein, das ist unmöglich. Jody sackte zusammen. Ihre Hände vorm Gesicht, noch immer schwer atmend, rollten ihr Tränen über ihr Gesicht. Sie war verzweifelt. Was hat das alles nur zu bedeuten? Warum hat er mich hier her gelockt und ist dann einfach verschwunden? Was soll das. Sie wollte all ihren Frust einfach nur in die Nacht brüllen, aber sie hatte einfach keine Kraft mehr. Sie saß nur da – im feuchten Gras – wie ein Stück Elend – und in ihrem Hinterkopf noch immer diese flehenden Schreie…

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