Mein Leben im Netz #1

Ist ist früher Morgen, draußen ist es noch dunkel, das Haus ist still. Mein Handy flüstert mit in Form von Jack Johnsen ein leises “Guten Morgen” entgegen. Obwohl ich noch fest in meinen Träumen hänge, ist mein Körper schon hellwach. Obwohl ich viel lieber noch die Wärme des Bettes genießen möchte, drehe ich mich um und schalte das Smartphone nicht nur auf “Schlummern”. Mit einem Klick öffne ich die Facebook-App. Meine Augen blinzeln auf das blaue Display, meine Finger scrollen magisch über den Touchscreen. Ich bekomme die erste Ladung Nachrichten, Meldungen, Gefühle, Fotos und Tipps des Tages. Während das Handy zum zweiten Mal in meiner Hand vibriert, bin ich schon hellwach und schicke den ständigen Begleiter ein zweites Mal in den Ruhemodus. Weitere fünf Minuten später sind auch die wichtigsten Mails gecheckt. Meine Augen strahlen, mein Geist ist schon kräftig am Rattern. Noch bevor der erste Kaffee des Tages meinem Magen “Hallo” gesagt hat.

Keine Zeit vergeuden, nicht einfach nur still sitzen und Ruhe haben. Nie abschalten. Auf gar keinen Fall offline gehen. Der Weg weg vom Rechner ist hart, aber überbrückbar. Einmal mehr kommt das Smartphone zum Einsatz. Schon auf dem Weg in die Keramikabteilung wird der Facebook-Stream gecheckt. Angekommen zur kleinen Sitzung folgen die aktuellsten Aktivitäten bei Google+. Und da es heute etwas länger dauert, kann ruhig mal bei Spiegel Online vorbei geschaut werden. Nur keine Nachricht verpassen. Vielleicht etwas wichtiges erst Minuten später mitbekommen. Kann nicht, darf nicht, geht nicht. Wird auch nicht passieren. Kurz noch einen Tweet absenden und zurück ins Büro.

In geselliger Runde sitzen wir zusammen. Meine besten Freunde. Wir quatschen, lachen, trinken Bier. Die Sonne strahlt auf unsere Köpfe. Die Stimmung ist perfekt. Bis diese eine, tiefschürfende Frage in die Runde geworfen wird. “Wie hieß noch der alte Rechtsaußen, den wir immer so derbe ausgepfliffen hatten?” Noch bevor die Frage beendet wurde, huschen meine Hände bereits über das iPad, das die ganze Zeit neben dem Bierglas lag und mich dauerhaft mit neuen Statusmeldungen versorgte. Ich wische, tippe und ziehe. Beantworte die Frage, ehe sich mein Gehirn überhaupt einschalten konnte, um zu Grübeln. So zieht es sich durch. Ich trage meine Weisheit mit mir. Doch nicht im Hirn, sondern in einem flachen Maschinchen, das mich begleitet. Es weiß alles und ist mein neues Ich. Es ist mein Begleiter und ein wichtiger Teil von mir. Auch in Abenden, wie diesen.

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