Die äußere Wendung – Generalprobe zur Geburt

Wenn man nicht unbedingt sein zweites Kind bekommt oder Arzt ist, dürfte man einen Kreißsaal nicht von innen kennen. Auch für den Mann kommt deshalb während der Geburt eine ganz neue Erfahrung hinzu in einem völlig unbekannten Umfeld. Selbst die Besichtigung der Örtlichkeiten während der Krankenhausbesichtigung kann man hier außen vor lassen. Zu dem Zeitpunkt ist die Geburt noch weit weg und Mutter plus Dad sind tiefenentspannt. Zum Glück für alle (speziell für die Frau) gibt es deshalb keinen Probelauf unter ernsteren Bedingungen. Es sei denn, der Nachwuchs liegt lange in der Beckenentlage.

Bei uns war es der Fall, dass wir immer wieder sagten, dass Junior zu entspannt sei. Und natürlich findet er das doof wochenlang kopfüber im Becken seiner Mutter zu liegen, wenn er doch die Möglichkeit hat aufrecht durch das Leben zu turnen. Die Ärzte und unsere Hebamme vermittelte hier die entsprechende Ruhe. Einige Kinder drehen sich halt einfach schlecht. Manche wollen gar nicht. Wie bei uns. Und zack plagt selbst den entspanntesten Vater in spe eine gewisse innere Unruhe.

Die Entscheidung eine äußere Wendung zu versuchen, war bei uns schnell getroffen. Lieber Dad, auch diese Entscheidung sollte in der Hand deiner Frau liegen und du hast sie da vollends zu unterstützen. Die Hormone sorgten bei uns zuverlässig, dass meine Frau diese Möglichkeit ergreifen wollte, um die Chance auf eine natürliche Geburt beizubehalten.

Die durchschnittliche Erfolgsquote liegt bei 50%. Wir ließen die Wendung im UKE durchführen, die eine Erfolgsrate von sogar 60 Prozent haben. Im ersten Gespräch wurden die Risiken erklärt und wie die äußere Wendung stattfinden wird. Per Ultraschall wird überprüft, ob drr Nachwuchs die entsprechenden Voraussetzungen mitbringt. Wie groß ist das Baby, wie schwer, wie viel Fruchtwasser ist vorhanden (also wie viel Platz hat er) und wie liegt er. Bei uns waren die Vorraussetzungen für die Wendung gegeben.

Und da waren wir dann. Wir meldeten uns am Schalter an und warteten danach noch ewig im Wartezimmer. In Kreißsaal kannst du halt nie planen, wie viel los ist und solltest immer Geduld mitbringen. Meine Frau war sichtlich aufgeregt, ich versuchte die Sorgen wegzulächeln. Eine Hebamme brachte uns irgendwann in den Kreißsaal. Kurze Instruktion, meine Frau warf sich einen hübschen (nicht) OP-Kittel über und dann wurde der Zustand des Kleinen per CTG überwacht. Bei uns waren es 10-15 Minuten. Danach erhielt meine Frau eine Unfusion für ein wehrnhemmended Medikament, damit bei der Prozedur alles ruhig im Bauch blieb und die Ärtze ihren Job verrichten konnten.

Problem dabei. Die Infusion muss gelegt werden und meine Frau kann nicht wirklich gut mit Spitzen. Ihre Angst war ihr ins Gesicht geschrieben. Ich schaute ihr dauerhaft tief in die Augen und lächelte sie an, um ihr ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Die Hebamme versuchte durch Reden für Beruhigung zu sorgen. Auch für mich. Spritzen mag ich auch nicht wirklich und die eigene Frau leiden zu sehen, ist die Hölle. Mein Herz blutete schon jetzt. Als die Hebamme den Raum verließ schossen meiner Frau die Tränen ins Gesicht.

Ganz leise flüsterte sie „Ich habe Angst.“ Und da war sie endlich. Ich hatte auf sie gewartet und befürchtet, dass sie nicht kommen würde. Meine Ruhe und der Beschützerinstinkt. Als ich die erste Träne sah, schoss ein Gefühl durch meinen Körper, der mein Leid aus mit rauskatapultierte. Ich wurde irgendwie stumpf und funktionierte. Ich hielt ihre Hand und sprach ruhig mit ihr. Ich versuchte sie zu besänftigen und ließ immer wieder „alles ist gut“, „ich bin da“ ubd mit Blick auf das CTG „Junior geht es gut“ fallen. Das Medikament sorgte dafür, dass ihr Herz raste, ihre schweißnassen Hände leicht zitterten und eine ständige Unruhe ihren gesamten Körper erfasste (spät abends sagte sie mir, dass sich das Mittel nicht total unangenehm abfühlte, wie eine Aufregung vor einer Klausur, die man jedoch nicht loswird). Ich küsste ihre Tränen weg, lächelte, sprach, lachte. Bis die halbe Stunde vorbei war und vier Personen ins Zimmer kamen. Die Ärztin, die Hebamme und noch zwei Personen, von denen wir bis jetzt nicht wissen, was sie waren.

Ich postierte mich auf einer Seite, schaute meine Frau an und streichelte ihre Wange. Eine Hebamme hockte neben mir und ließ ihre Hand zerquetschen. Die anderen standen auf der anderen Bettseite. Immrt wieder Ultraschall und dann begann die Ärztin zu drücken. Ich konzentrierte mich voll auf das Gesicht, das immer wieder schmerzverzerrt zusammen zuckte, tief atmete und die Augen schloss. Aber dazwischen suchte meine Frau immer wieder meinen Blick. Und ich war da. In diesen kleinen Momenten entspannte sie sich. Das zeigt so deutlich, wie wichtig es ist, dass der Partner dabei ist. Lass deine Frau niemals nie bei so einer Behandlung allein mit wildfremden Menschen!

Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie viel Druck die Ärztin aufbaute und den kleinen Mann versuchte zu bewegen. Immer wieder Ultraschallkontrollen und kurze Sätze zwischen den Teammitgliedern. Ich wollte in dieser Situation nicht mit meiner Frau tauschen, ihr aber gern die Schmerzen nehmen. Es ist schlimmer einen geliebten Menschen leiden zu sehen, anstatt selber in Schmerzen dazuliegen. Doch ich funktionierte.

Drei oder vier Versuche unternahm die Ärztin. Immer wieder fragte sie fürsorglich meine Frau, ob es noch ginge und legte eine Pause ein. Zusammen atmeten wir laut und bestärkten sie. Sie biss sich durch. Ich bin stolz auf die. Ich hätte größtes Verständnis gehabt, wenn sie abgebrochen hätte. Aber sie wollte es unbedingt. Und wir wurden trotzdem nicht belohnt. Wir gehören zu den vierzig Prozent. Junior kam immer wieder in die horizontale Lage, aber dann entschlüpfte er der Ärztin und richtete sich wieder auf.

Er wird seinen Grund haben. Er hat einen guten Instinkt. Er passt auf sich auf. All das erzählte ich meiner Frau, als die Ärzte wieder verschwunden waren und wir allein im Kreißsaal lagen. Auf dem CTG konnten wir sehen, dass er das alles unbeschadet überstanden hatte. Er schlief, sein Herz ging normal. Das war das wichtigste. Er ist wieder gesund. Meine Frau hatte es auch überstanden.

Im sicherlich kleinen Umfang war die äußere Wendung eine Vorbereitung auf die echte Geburt. Da wird es noch schmerzhafter und vor allem intensiver. Aber ich bin froh, dass ich nun beruhigter bin, dass meine Instinkte funktionieren und ich für meine Frau in diesen Momenten der beruhigende Faktor bin. Ich bin die starke Schulter, an die sie sich anlehnen kann, wenn sie schwer zu kämpfen hat. Immerhin das hat uns die äußere Wendung gebracht. Und das gute Gefühl, dass wir alles versucht haben, ihn in die richtige Position zu bringen. Das werden wir uns nie vorwerfen müssen. Auch deshalb würde ich es jeder Frau empfehlen die äußere Wendung zu versuchen. Die Risiken sind minimal und die Schmerzen in einigen Tagen vergessen, zudem nicht so schmerzhaft wie andere Verletzungen und Wunden, die bei einem Kaiserschnitt länger bleiben.

Und liebe Väter, macht euch nach der äußeren Wendung auf eine unruhige Nacht gefasst. Als wir endlich wieder zuhause waren, lagen wir noch ewig wach. Adrenalin und unzählige Gedanken ließen uns nicht in den Schlaf kommen. Wir redeten noch lange miteinander. Bei meiner Frau kamen dann die Schmerzen, ihr wurde nachts wegen dem Druck auf dem Bauch schlecht. Doch das alles ist es wert gewesen. Auch ohne Happy End.

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